Der vergessene Reisepass

 Bedingt dadurch mit einem Deutschen marokkanischer Herkunft zusammen zu sein, bringt es mit sich, dass der Sommerurlaub bei seiner Familie in Casablanca verbracht wird. Mitgehangen, mitgefangen. Und da die  Familie nicht so klein ist mit 9 Geschwistern und der Kinderreichtum über den deutschen Standard (noch) hinaus geht, sprich mehr als zwei Kinder zu bekommen, haben wir viel Gepäck im Schlepptau und weil Ghani gemütliches Reisen mit vielen Stopps an den wunderschönen Raststätten der Autobahnen national wie international liebt, fahren wir mit dem Auto dahin. Eine Strecke von 3.600 km, ist ja nix…ein Klacks, ein Katzensprung, einmal rüber gestolpert – zack biste da.  Nee, so ist es leider nicht. Aber wer seinen Partner liebt, wie ich es tue, der lässt ihn nicht alleine fahren. Wir brauchen drei lange Tage (+eine Nacht) um anzukommen. Und ich brauche einiges an Urlaubstagen, damit sich das ganze lohnt. Acht Tage für Hin-und zurück müssen drin sein. In 2018 habe ich ziemlich knapp kalkuliert, 14 Urlaubstage reichen doch. Sind ja noch die Wochenenden mit drin, haha. Und wir sind kurz vor dem bevorstehenden Opferfest losgefahren. Eine tolle Zeit! Wir haben uns auf den Weg gemacht, die erste Übernachtung ist in Frankreich. Wir kommen gut durch und buchen unterwegs ein Zimmer bei Ibis Style in einem kleinen Ort, den Namen habe ich vergessen. Nach mehreren Reisen habe ich inzwischen die wichtigsten Buchungskriterien für ein Hotelzimmer herausgefunden: Nahe der Autobahn, passend zum Budget, inkl. Frühstück, kostenloser Parkplatz und 24/h Rezeption. Ich liebe booking.com, da lässt es sich so einfach buchen. So einfach wie auf Klo gehen. Am nächsten Tag geht die Reise weiter, irgendwann übernehme ich das Steuer, damit Ghani sich mal ausruhen kann. Das Wetter ist auch nicht so toll, es regnet ziemlich viel in Frankreich diesmal. Das kennen wir auch besser, tztz! Wir freuen uns, denn die Schilder teilen uns mit das Spanien nicht mehr weit weg ist. Ghani fängt an, in seinen Fächern rumzukramen und Dinge rauszuholen unter anderem auch sein Reisepass und mir fällt es wie Schuppen vor die Augen und sage: „Ach du Kacke, ich habe meinen Reisepass vergessen!“ Ghani anwortet:“Du veräppelst mich doch“ und ich: „ Nein, ich meine das Ernst“ und er: „ach Quatsch“. Zum Glück gibt es in Frankreich alle zwei Kilometer einen Rastplatz, vermutlich bevorzugen die Franzosen des Öfteren eine kleine Pause und ich muss nicht lange fahren bis einer kommt und ich rausfahren kann. Jetzt dämmert es auch Ghani, dass ich es wirklich ernst meine, dass ich meinen Reisepass zu Hause in der Schublade liegen lassen habe und seine Miene verzieht sich in die untersten Stockwerke seines Gesichtes. Mir ist zum Heulen und ich heule auch. Was nun? Das Erste was uns einfällt ist googeln (mein Gott, ich bin so dankbar dass die Roaming-Gebühren abgeschafft worden sind). Führt leider zu keinem Ergebnis, weil es wohl nur Menschen sind die fliegen und ihren Reisepass vergessen. Und am Flughafen kannst du dir von der Bundespolizei einen Ersatzpass ausstellen lassen. Aber was machst du irgendwo im Nirgendwo? Ich rufe den ADAC an und habe eine nette Dame am Telefon die auch keine Idee hat, sie fragt bei ihren Kollegen. Ich soll ein Konsulat das auf unserem Weg liegt kontaktieren. Mmmh, prima Idee wir haben Freitag nach 12 Uhr. Da werde ich niemanden mehr erreichen. Ghani erwähnt, dass DHL einen Express-Service anbietet, in 24 Stunden geliefert. Das ist unser Plan B. Plan A ist, dass ich meine Nachbarin Ina anrufe (die sich immer so lieb mit einer anderen Nachbarin zusammen um Lilly kümmert) und ihr schildere was los ist und sie bitte mir Fotos von meinem Reisepass zu senden übers Handy und ich diese mit meinem Personalausweis an der Grenze vorzeige, in der Hoffnung dass das akzeptiert wird von dem Grenzpersonal. Gesagt, getan und die Bilder kommen….ich kann erkennen das ich es sein soll auf den Fotos und man erkennt, dass es sich um ein Reisepass handelt, egal muss reichen. Wir haben uns etwas beruhigt, die Pläne A u. B im Kopf und wir fahren weiter, Ghani am Steuer und ich wieder still am dahin weinen, weil ich mich über mich selbst ärgere. Im Übrigen haben mir viele mitgeteilt, dass an dem Punkt ihre Beziehung in die Brüche gegangen wäre, zumindest eine harte Gewährleistungsprobe mit Riesenstreit. Klar ist Ghani angesäuert, aber er sieht auch, dass es mir leid tut und tröstet mich damit, dass wir ja Plan A und B haben. Nach einiger Zeit kann ich auch wieder lächeln. Wir schaffen es an diesem Tag bis Valencia und nehmen uns dort ein Hotel, wo die Damen von der Rezeption so nett sind und mir die Fotos ausdrucken, erkennen kann man immer noch wenig. Wir beschließen am dritten Tag in Malaga am Fährticketschalter die Verkäufer zu fragen, ob unser Plan A funktionieren wird. Es sind überwiegend Marokkaner (oder nur Marokkaner?!) die an den Schaltern arbeiten, die wissen sowas. Wir also angekommen und rein in die Bude, Ghani fragt und ich sehe nur das bedauerliche Kopfschütteln und weiß Plan A wird nicht funktionieren. Plan B wird gezogen, ich rufe Ina an um sie zu bitten meinen Reisepass per Express an die Hoteladresse zu senden, die ich ihr schreibe wenn wir in Algeciras (von da aus nehmen wir die Fähre nach Marokko) im Hotel eingecheckt haben. Das Geld in Höhe von 50 EUR gebe ich ihr wieder wenn wir zurück sind. Günstig, wenn man bedenkt, dass unser Plan C beinhaltete, dass Ghani in der Nähe eines Flughafen in einem Hotel eincheckt und ich nach Hamburg fliege, den Reisepass hole und wieder zurückfliege! So, haben wir nur einen Zeitverlust von ein paar Tagen. Wir checken für drei Nächte im Hotel Aura ein, am Montag schreibt Ina vormittags dass der Pass auf die Reise gegangen ist. Ghani und ich machen uns zwei schöne Tage in Algeciras. Es ist schön, einen Ort mal kennenzulernen, von dem man nur den Hafen bisher gesehen hat und weiß, dass dort nachts viele Hunde laut bellen. Kein typischer Touristenort, aber ein ganz netter Strand und eine ganz schmucke Plaza mit einigen Cafés und Tapabars drum herum. Im ersten Lokal läuft aber ein sehr schnoddriger Kellner umher, dort trinken wir nur was und ziehen weiter um unseren Hunger zu stillen. In einer langen Fußgängerstraße werden wir fündig und mit Hand und Fuß, ein paar Brocken Spanisch bestellen wir etwas zu essen. Kein Touristenort – wenig englisch sprechende Spanier. Am Dienstag trauen wir uns nicht aus dem Foyer vom Hotel heraus, der Reisepass soll lt. Tracking kommen. In Sevilla ist er bereits in den Transporter geladen worden. Es wird ein langweiliger Tag, Gäste kommen, Gäste gehen und wir belegen den ganzen Tag die Couch, bis endlich früh am Abend endlich der Reisepass geliefert wird. Der Rezeptionist und die DHL-Tante sind etwas überrumpelt als ich stürmend auf sie zu hetze und „para mi“ rufe. Ich reiße das Päckchen auf, gebe dem Rezeptionisten meinen Müll, wir rufen „Gracias und Adios“ und schon sitzen wir im Auto Richtung Fähre. Ich schreibe gleich Ina, dass alles geklappt hat und wir wieder on tour sind. Ein super Gefühl und als ob eigentlich nie etwas gewesen wäre, jetzt mit meiner ausgewiesenen Identität in meinen Händen. Auf der Fähre ist es ungewohnt ruhig und den Rest der Reise kommt uns nichts mehr dazwischen. Als ob wir es geahnt hätten kommen wir natürlich genau zum ersten Tag des Opferfestes an und es hängen bereits zwei enthäutete Hammeln an den Bäumen im Garten. Nichts für Zartbesaitete meine Lieben! An diesem Tag wird auch noch ein Rind geschlachtet, Ghani ist erstaunt, dass ich bei der Schlachtung zu gucken möchte. Aber es ist ein muslimisches Fest und ich werde auch davon essen, also schaue ich dabei zu und mache sogar Fotos. Bis auf den Moment mit dem Schnitt durch die Kehle empfinde ich es nicht schlimm, das Tier ist sofort tot und es ging schnell. Die Frauen nehmen die Innereien komplett auseinander und ein Bruder ist noch am nächsten Tag damit beschäftigt das Tier in seine Einzelteile zu zerlegen. Es wird alles verwertet, auch die restlichen Tiere haben was davon. Die Hühner picken das getrocknete Blut von der Erde auf. Es gibt Spieße und Salat. Ein paar Tage später geht Magen-Darm um. Ich bekomme Backpulver zum verrühren mit Wasser um meinen Mageninhalt zu verdicken, es hilft. Nach einem kurzen Aufenthalt von 9 Tagen müssen wir uns schon wieder auf den Weg Richtung Heimat begeben. Morgens am Tag der Abfahrt stellt Ghani fest, dass ein Reifen seines Wagens einen Platten hat, juhu es fängt gut an. Seine Schwester und ein Bruder lassen den Reifen schnell reparieren und los geht's. Leider haben wir nicht die Rechnung gemacht mit derRückreise der vielen anderen in Europa lebenden marokkanischen Familien. Die digitale Anzeige über der Autobahn zeigt auf französisch etwas an und ich mit meinen ganz wenigen Französisch-Kenntnissen erkenne nur etwas mit 8 Stunden und Tanger (in Tanger fahren die Fähren nach Spanien usw. ab) und ich frage Ghani was dort steht. Er antwortet, dass dies die momentane Stauzeit in Tanger ist und mir fällt die Kinnlade runter, wie bitte?! Das kann doch nicht stimmen. Doch, seine Schwester hätte ihm schon am Vortag erzählt, dass in den Nachrichten von dem Stau berichtet worden ist. Na, das kann ja was werden! Während der Weiterfahrt verlängert sich die Stauzeit Stunde um Stunde, ich muss tief durchatmen. Bevor wir überhaupt in der Nähe des Eingangs vom Hafen kommen können stehen wir in besagten Stau...es ist mittags als wir ankommen. Irgendwann am Nachmittag meldet sich meine Blase, eine Toilette ist nicht in Sicht. Die Autos werden über mehrere Kilometer umgeleitet, es geht sehr schleichend vorwärts. Wir beobachten live einen Fluchtversuch von einheimischen Jungs. Sie klettern auf den LKW (aus Deutschland) rauf und schneiden oben das Dach auf und  -schwupps- sind sie im LKW verschwunden. Leider ist der zweite Junge vorne hoch und der Fahrer hat es bemerkt und hat natürlich die Polizei informiert. Die Jungs hätten sich wahrlich kein schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. Nun weiß ich auch, warum sich so viele junge Männer dort tummeln. Sie warten auf ihre Gelegenheit. Es ist sehr spät am Abend, meiner Blase muss ich inzwischen gut zu reden, bis wir  in die Nähe der Passkontrolle kommen und dort endlich die Erlösung auf mich wartet. Wir bekommen an diesem Abend keine Fähre mehr und übernachten im Auto. Uns fehlt Reisezeit, unseren obligatorischen Strandtag in Spanien können wir knicken. In Deutschland geht wieder der Wahnsinn auf der Autobahn los. Dafür liebe ich ja das Tempolimit im Ausland, es lässt sich viel entspannter Auto fahren. Die Leute halten sich grundsätzlich an das Limit. Aber die Deutschen....viele scheinen ihr Gehirn auszuschalten und spritzen sich Benzin (oder Diesel) in die Venen. Wir sind zum Glück heil in Hamburg angekommen. Diese Reise hat mich für die Nächsten geimpft, den Reisepass packe ich als Erstes ein!