Über Schnelllebigkeit

 

Nun sitzen wir Abend für Abend auf dem Sofa, Ghani und ich beide mit Kopfhörern in den Ohren und dem Smartphone in der Hand.  Bisher kenne ich dieses Bild nur wenn ich mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin und es nervt mich, seit es so ist, schon immer. Und jetzt? Sogar auf dem häuslichen Sofa. Ich möchte diesen Umstand ändern. Es ist doch auch viel schöner, ein Buch oder ein Magazin in den Händen zu halten und schont vor allem mein Akku vom Smartphone. Doch ich weiß nicht, wann ich mich vom Lesen entfremdet habe. Nicht dass ich nicht lese, aber konzentriertes über einen längeren Zeitraum und auch das Gelesene verstehen Lesen, das gelingt mir nicht mehr so gut. Es liegt an diesen vielen Kurznachrichten im World Wide Web, ich sag es euch. Du kannst in wenig Zeit ein Haufen über alles und Nichts lesen und danach weißt du …..nichts. Das ist wie mit dem Schreiben. Außer mal einen Einkaufszettel schreiben oder ein Formular ausfüllen, brauchst du nicht mehr zu schreiben. Schreibe ich mehr als eine halbe DIN A4 Seite, dann fängt meine Hand an weh zu tun. Unglaublich, dass ich in der Schule früher seitenlange Aufsätze geschrieben habe. Das kann sich doch heutzutage kaum einer vorstellen. Damals, anno dazu mal, warst du was, wenn du Lesen und Schreiben beherrscht hast. Wer bist du heute, wenn du was bist? Reality-TV-Star, WebvideoproducerIn,  InfluencerIn oder PodcasterIn. Let’s go digital, people,  echtes Leben erfolgt nunmehr parallel.  Und weil das digitale Leben so schnelllebig ist,  bist du als Mensch completly ausgereift bereits mit 25, dank des ganzen Wissens was inzwischen herrscht zwischen den ganzen Communitys bei den „Social-Media-Kanälen“ und den untereinander ausgetauschten Erfahrungen. Und dann sehe ich mir eine Reportage an auf Youtube in der zwei Medienfrauen, beide 21 Jahre alt, von ihrem Burnout erzählen. Mit 21! Als ich damals 21 war, stand ich kurz vorm Ende meiner zweiten Ausbildung, habe in der Berufsschule  das Zehn-Finger-System gelernt, ein eigenes Fach mit Benotung – welche ziemlich überflüssig war,  für Schreiben lernen mit Zehn-Fingern ist „Teilnahme bestätigt“ völlig ausreichend. Und im Ausbildungsbetrieb lungerte ich beizeit im Lycos-Chat rum. Das war aufregend sag ich euch. Du warst auf einem Schiff und  du konntest in einen virtuellen Aufzug einsteigen und in die verschiedenen Chat-Ebenen fahren. Das war vor Studi-VZ, vor Facebook und allem was danach kam. Ich bin also mit Ende meiner Jugend in die digitale Welt reingerutscht und hab auch bei vielem mitgemischt. Meine Chatphase war ziemlich lange und auch diverse Dating-Plattformen wie Finya.de oder  Neu.de habe ich ausprobiert.  Am Ende meiner digitalen Karriere habe ich festgestellt, dass ich zwar Männer kennenlernen kann, aber es nicht vergleichbar ist jemanden kennenzulernen Face to Face. Klar, viele lernen sich auch Online kennen, ist sicher auch eine Chance, aber dann betreib das Kennenlernen eher entspannt und nicht auf „Teufel komm raus, ich brauche einen Partner“. Als Facebook kam, war ich natürlich auch bei Facebook am Start, sicher doch. Und auch die ganze Facebook-Chose hatte sich für mich nach einiger Zeit erledigt. Mit „Freunden“ habe ich nicht geschrieben und wenn eher spärlich und auch die da schon gestellten Urlaubsbilder oder Essensbilder wollte ich nicht mehr sehen. Also hab ich mich schwupp-di-wupp abgemeldet und siehe da, es ging auch ohne Facebook. Instagram kam auf, weil zu viele „Alte“ anfingen sich auf Facebook anzumelden. Da hatte ich aber (erst einmal) kein Interesse dran und der Hype der sozialen Medien ging an mir vorbei. Bis zu diesem Jahr in dem dank Corona sowieso alles verrückt spielt,  ich also auch. Und habe mich bei Instagram angemeldet, ging ganz leicht. Google hat mir mein Passwort konfiguriert. Aber der Unterschied ist, dass mich die digitale Welt eher so nebenbei beschäftigt hat und ich mein Leben weitergelebt habe. Die zweite Ausbildung habe ich abgeschlossen, sogar ein halbes Jahr früher auf Anraten einer meine Chefs, nicht weil ich so schlau bin und dann in die Arbeitswelt eingestiegen bin. Mein erster Job führte mich zu Patentanwälten als Empfangsassistenz. Ein Schweinehaufen war das, nach knapp 16 Jahren darf ich das sagen. Haben sich schnell meiner Person entledigt mit einer fristlosen Kündigung, weil sie nicht wussten wie sie die Mobbingsituation zwischen mir und meiner Kollegin lösen sollten. Also haben sie einen ziemlich hässlichen Weg gewählt. Auf Rechtswegen habe ich mich erfolgreich gewehrt mit Hilfe der ÖRA und einem der Familie bekannten Anwalt. Ich kann auch jedem die ÖRA (öffentliche Rechtsauskunft) empfehlen, wenn man mal nicht weiter weiß und keine Knete für einen Rechtsanwalt hat. Zumindest für die nächsten rechtlichen Schritte. Sind zwar nicht die Freundlichsten dort, hilft ja nix.  Es folgte Arbeitslosigkeit,  entschuldigt, Arbeitssuche mein ich. Es folgten verschiedene Stationen. Die Mobbinggeschichte hat mich allerdings für meine gesamte berufliche Karriere gestärkt. Mach sowas einmal mit und du bekommst ein dickes Fell (oder du landest vielleicht als nervliches Wrack in der Psychiatrie). Beginnend der Endzwanziger gelang es mir eine Zeit lang zu studieren über eine Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Wirtschaft u. Politik. Meine Motivation reichte nicht für eine Beendigung aus. Also wieder zurück in den Vollzeitjob. Für meinen aber immer noch vorhandenen Ehrgeiz bildungstechnisch etwas vorweisen zu können, bin ich dank offener Augen die aus dem Fenster der S-Bahn geschaut haben und nicht aufs Smartphone, auf ein Plakat der AWS (Abendwirtschaftsschule) aufmerksam geworden. BWL für Erwachsene, kostenlos bis auf die Materialkosten. Drei Jahre durchgezogen mit Schwerpunkt Controlling und vollendet - sogar erfolgreich, also bestanden (die Vier ist die Eins der kleinen Frau hab ich mir sagen lassen).Ich sag euch Leute, es kommt darauf an was für ein Lehrer du hast und mit welchen Leuten du lernst. Hier habe nicht nur Mathematik gelernt, sondern auch das ich fähig bin für Mathematik (wenn auch langsam) und das Mathematik sogar Spaß bringen kann. Und es hat mir zu dem Job geholfen den ich jetzt innehabe mit dem Gehalt welches ich mir vorgestellt habe. Gott, bin ich emanzipiert. Worauf ich ursprünglich hinaus wollte ist, dass ich Zeit hatte in die sich immer schneller werdende Welt hineinzuwachsen und Zeit hatte als Mensch zu reifen und jetzt mit 38 Jahren das Gefühl zu haben angekommen zu sein. Und zwar nicht, weil ich verheiratet bin und Kinder in die Welt gesetzt habe. Sondern ich das erreicht habe, was ich erreichen wollte.  Ghani getroffen zu haben war einfach schieres Glück. Und ich kann viel verlieren, es würde mir nichts ausmachen, aber  die Vorstellung Ghani zu verlieren oder das was wir miteinander haben, das würde mich in ein tiefes, schwarzes Loch stürzen. Bin ich denn jetzt reif für Instagram oder sogar vorbei gereift? Ich weiß es grade nicht, ich versuche die Plattform auch nur in für mich gesunden Portionen zu konsumieren und irgendwann werde ich es vielleicht über haben. Denn beruflich bin ich nicht im Medienrummel beteiligt.  Sowohl mein berufliches, also auch mein Privatleben spielt sich im echten Leben ab.